Autofahren macht Spaß.

Ich besitze selber kein Auto mehr, was die Freude, ab und zu mal fahren zu dürfen, um ein Vielfaches steigert. Ich fahre also mit dem Auto meiner Eltern durch die unbevölkerte Landschaft Schleswig-Holsteins. Plötzlich sehe ich im Rückspiegel ein vertrautes Fahrzeug, welches mein bis dahin frohes Gemüt mit Unbehagen, Stress und einem Hauch von Angst befällt. Die Polizei… Na toll.

Noch bevor ich in Gedanken durchgehe, ob ich für den Fall einer Kontrolle alle Papiere bei mir habe (habe ich natürlich nicht), beginne ich zu fluchen, wieso nun gerade ich von den Ordnungshütern verfolgt werde. Es wäre sehr viel wahrscheinlicher gewesen, dass eine verrostete Mercedes C-Klasse oder ein alter Traktor hinter mir herfahren würde. Die einzigen Fahrzeuge, die die hier ansässigen Kleinbauern zu besitzen scheinen. Aber mit der Polizei habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Von nun an gilt es also fehlerfrei Auto zu fahren. Obwohl ich das in der Regel mache (1x geblitzt in 5 Jahren), spüre ich plötzlich einen gewaltigen Druck.

Ich wünsche mir in solchen Situationen ein sehr viel größeres Selbstvertrauen. Ich weiß doch, dass ich fahren kann. Ich weiß, dass es keinen Anlass gibt mich zu kontrollieren. Und wenn ich doch angehalten werde, zeige ich den Führerschein, bitte um Entschuldigung den Fahrzeugschein nicht zu finden, und fertig. Was habe ich zu befürchten? Etwas mehr Selbstvertrauen, also bitte.

Dieses Selbstvertrauen kenne ich aus der Kirche nur zu gut: Der Pfarrer redet über Feindesliebe, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft, und ich höre etwas gelangweilt zu. Ich möchte nicht von mir behaupten, ein perfekter Christ zu sein, aber doch besser als viele andere. Ich bin zufrieden mit meiner Leistung im Leben. Oberes Mittelfeld würde ich mal sagen.

Würde Martin Luther diese Zeilen lesen… Himmel hilf… Er würde sie ausdrucken, zerreißen und mir wohl damit „das Maul stopfen“. Diese Selbstzufriedenheit war sein erklärter Feind. „Es geht doch um so viel mehr als nur 10 Euro für vergessene Papiere! Es geht um dein Leben, du bescheuerter Esel“, würde er mir in seiner unnachahmlichen Freundlichkeit sagen. „Es geht um alles! Jede Kleinigkeit hat schlimme Folgen!“ – „Sie meinen so etwas wie: Blinken vergessen, 500 Euro Strafe?“, würde ich nachfragen. „Nein, Todesstrafe!“, würde Luther poltern und so ernst drein schauen, dass ich ihm glauben müsste. Luther ließe mich einen größeren Druck spüren als der Streifenwagen hinter mir. Die Kirchenpolizei ist da, mit der Bibel als Gesetzbuch. Sehr unangenehm. Ein Albtraum, wenn er Recht hätte, und wirklich jede Kleinigkeit so schlimm wäre. Etwas verunsichert durch mein plötzliches Unbehagen, frage ich ihn, wie ich denn überhaupt in einer Kontrolle der Kirchenpolizei bestehen könne. Es gäbe da vielleicht doch die eine oder andere Sache, wo ich mit den Geboten mal etwas ungenau war.

Doch die Sache scheint klar zu sein. Dem Gericht kann man nicht entgehen. Es ist ja auch nur gerecht so. Wieso sollte gerade bei mir eine Ausnahme gemacht werden? Und während ich darüber nachdenke fallen mir immer mehr Dinge ein, in denen ich das mit dem Gesetz nicht so ernst genommen habe. Ich schäme mich, weil ich ja eigentlich weiß, was richtig ist. Und ich will ja eigentlich auch das Richtige tun, aber es passt halt manchmal einfach nicht. Sorry…

Und da beginnt Luther mir mit warmer Stimme zu erzählen, dass meine Strafe schon bezahlt ist. Ich habe keine Strafe mehr zu befürchten. Mein Unbehagen legt sich und ich spüre Dankbarkeit demgegenüber, der bezahlt hat. Vor allem aber fällt der Druck ab. Das Gesetzbuch gibt es noch, die Strafen für vergehen auch, aber sie werden nicht mich treffen. Was für eine Befreiung. Das ist sie also, die Freiheit eines Christenmenschen. Um diese Freiheit zu spüren, musste ich aber, so sagt Luther, zunächst am Gesetz verzweifeln und erkennen, dass ich vor dem Gesetz als Angeklagter in mehreren Fällen dastehe. Weiter musste ich bereuen. Und schließlich konnte ich begreifen, was das Evangelium von der Gnade Gottes für mich bedeutet. Luther meint zu mir, dass dies der Weg zu einer neuen Freiheit sei. Kein Gesetz, keine Kirche, keine frommen Taten sprechen mich frei, denn ich bin schon freigesprochen durch Christus. Ich kann nichts dazu beitragen.

Luther erzählt noch kurz von den Wortgefechten zu seiner Zeit, als er mit dieser Theologie im ganzen Land Furore machte. Abschließend frage ich Luther dann noch, was ich wegen des Streifenwagens hinter mir machen soll und ob die neue Freiheit da auch gilt. Doch er ist schon weg, und ich bin wieder im Auto.

Der Streifenwagen zeigt mir an, rechts ran zu fahren. Na toll.