Im Buchladen, in der Esoterik-Ecke, da finde ich sie: die Engel. Ratgeber, Lebenshilfen, Engel-Zeitschriften – die himmlischen Wesen haben Hochkonjunktur. Und in der Kirche? In der Theologie? Da redet – wenige Ausnahmen bestätigen die Regel – keiner darüber. Die Angelologie ist eingestaubt, insbesondere bei uns Protestanten. Auch mir ist der Engelglaube irgendwie fremd und spielt in meinem Alltag keine Rolle.

Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss: Ich finde, wir sollten als Theolog*innen wieder mehr über Engel reden, schließlich sind sie auch in den (Bild-)Darstellungen allgegenwärtig. Wieso kommen Engel eigentlich so wenig vor, wenn über den Glauben gesprochen wird? Für die Autoren der Bibel und die ersten Christen gehörten die Zwischenwesen doch selbstverständlich zum Weltbild dazu! Doch heute wird höchstens einmal im Jahr, an Weihnachten, über die himmlischen Engelschöre oder den Engel auf dem Felde bei den Hirten geredet.

Wer die esoterischen Engel anschaut, der merkt schnell, dass es da vor allem darum geht, bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen. Da sind Engel die konkreten, alltäglichen Begleiter, die schützen und unterstützen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2012 zeigt: Mehr als 40 Prozent der Deutschen glauben, dass sie einen persönlichen Schutzengel haben, ein weiteres Viertel hält das zumindest nicht für ausgeschlossen.

Für mich als christlichen Theologen ist das doch eine Chance. Ich sollte Engelglauben nicht gleich als „esoterischen Quatsch“ abtun. Dabei muss ich den Engelbegriff doch nicht einmal neu „füllen“, sondern mir nur vergegenwärtigen, was Engel im christlichen Sinne sind. Dort sind sie nämlich nicht jene Bedürfniserfüller – wie auch der katholische Theologe Thomas Ruster beobachtet -, in der menschliche Bedürfnisse zu Göttern werden. Sie sind keine eigenständig handelnden Wesen, sondern Boten.

So betont Karl Barth, der als einer der wenigen im letzten Jahrhundert sich ausführlicher mit der Angelologie beschäftigt hat, dass „Engel“ nicht ohne Gott gedacht werden können. Und das ist doch auch der wesentliche Punkt: Engel haben allein die Funktion, über sich hinauszuweisen. Sie bleiben in biblischen Beschreibungen immer abstrakt, gehen ganz in ihrem Auftrag auf, den sie von Gott erhalten haben.

Gerade in einer Zeit, in der sich Religion zunehmend individualisiert, popularisiert und aus einer institutionellen Form herausbricht, kann die Rede über Engel doch einen konkreten Anknüpfungspunkt bieten. Als evangelischer Theologe ist es mir problemlos möglich, Engel als Orte der Gottesbegegnung zu akzeptieren. Auch wenn ich der grundsätzlichen Überzeugung bin, dass es keine Vermittler zwischen Gott und Menschen braucht.

Vielleicht muss ich diese Überzeugung aber auch ein wenig anpassen, wenn ich über Engel nachdenke: Gott braucht die Vermittler nicht. Vielleicht gibt es sie aber, weil wir Menschen sie brauchen.