Maria, die Mutter Jesu, spielte in meiner religiösen Erziehung keine Rolle. Für mich war daher die einzige Assoziation zu Maria lange Zeit das Lied: „Maria i like it loud“ von Scooter. Weil aber nach kirchlicher Tradition Maria ihr Leben lang jungfräulich blieb, verbieten sich leider weitere Verbindungen zu diesem Lied.

Ich denke, dass es den meisten evangelischen Christen so geht wie mir. Maria? Das ist doch sowas seltsam Katholisches, oder? Weder im Kindergottesdienst, noch später ist Maria im Gemeindekontext wichtig. Sie erscheint höchstens in der weihnachtlichen Lesung oder im Krippenspiel als Randfigur. Woran liegt dieses evangelische Desinteresse?

Denn zu Beginn der Reformationszeit waren alle Reformatoren noch große Marienvereher. Erst in der nachreformatorischen Zeit wurde alles Reden über Maria als katholische (Irr)Lehre zu unrecht abgetan. Dies ließ mich neugierig werden.

Wie bin ich nun als evangelischer Christ zu Maria gekommen?

Die größte Entdeckung war für mich Maria nicht, wie ich es immer dachte, auf der Seite Gottes zu denken, sondern sie ganz und allein nur als Mensch, wie dich und mich, zu sehen. Die späten katholischen Lehrsätze aus dem 19. und 20. Jh., nach denen Maria sich seit ihrer Empfängnis vom gewöhnlichen Menschen (durch ihre Sündlosigkeit) unterscheidet und am Ende ihres irdischen Lebens vor allen Anderen in den Himmel aufgenommen wurde, verwirrten mich nur, weil dies Ergebnisse langer kirchlicher Denkprozesse sind, die für einen evangelischen Marianoob, wie mich, erstmal irrelevant sein müssen.

Die biblischen Geschichten berichten dagegen jungfräulich von Maria im Anfangsstadium, ohne eine sündlose Empfängnis ihrerseits und ohne eine Aufnahme in den Himmel. Im Lukas- und Matthäusevangelium ist Maria eine ganz normale, an sich unbedeutende, junge Frau. Ihr Verlobter Joseph kommt aus dem Geschlecht Davids. Da zu dieser Zeit in der Regel in der gleichen Sippe geheiratet wurde, läge es nahe, Maria ebenfalls in die Nähe dieses Geschlechts zu denken. Das Geschlecht Davids ist das hoch angesehene Königsgeschlecht und wohnte in den Prachtbauten von Jerusalem. Maria und Joseph dagegen wohnten irgendwo in Nazareth, unwichtiger, unbedeutender geht es nicht. Und trotzdem erwählt sie Gott und der Heilige Geist kommt über sie. Daran können wir sehen, dass Gott uns Menschen unabhängig von unserer Herkunft, unserem Stand oder unserem Wohnort erwählt. Das Kriterium der Erwählung liegt hiernach bei Gott.

Nach dieser Erwählung durch Gott kommt der Heilige Geist über Maria und lässt sie erfahren, dass ihr Kind Jesus von Gott kommt. Dieses Geschehen gleicht einer Bekehrung. Der Heilige Geist bewirkt in uns die Erkenntnis, dass dieser Jesus von Gott kommt.

Als letztes gibt Maria ihr Einverständnis zu diesem Wirken, indem sie sagt: Mir geschehe, wie du gesagt hast.
Im Prinzip begegnet uns hier in Maria das Zentrum evangelischer Lehre. Luther prägte seine Lehre durch die Begriffe: sola gratia, solus christus und sola fide. Sie bedeuten, dass allein Gottes Gnade uns erwählt und kein menschlicher Verdienst, dass allein Christus uns das Heil von Gott vermittelt und dass allein der Glaube unser Anteil an diesem Heilsgeschehen ist. All dies lässt sich an der biblischen Maria ablesen. Dadurch wird Maria zum Typos der reformatorischen Lehre und zum Typos eines jeden Christen. Für mich ist es seit dieser Erkenntnis absolut notwendig geworden, über Maria weiter nachzudenken. Denn das Nachdenken ist keine abstrakte Theologie, sondern die Beleuchtung der menschlichen Seite am Heilswirken Gottes.

Maria ist meinen Glaubensweg vorrausgegangen, indem sie als Erste erkennen durfte, dass Jesus von Gott kommt und dies im Glauben annimmt. So ist für mich die Zuwendung zu Maria eine Zuwendung zum glaubenden Menschen an sich und eine Zuwendung zu mir selbst. In dem ich den Prototyp des glaubenden Christen verehre, verehre ich damit Gottes Wirken an der Menschheit.

So gehört für mich Maria inzwischen zu meiner Frömmigkeit und meinem evangelischen Selbstverständnis.